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Meldung:

Über einen auf dem Dach montierten Metallständer wurde früher der Strom in die Häuser geleitet, wie hier im Anwesen Nibelungenstraße 128 im Reichenbacher Oberdorf.
Darmstadt/Lautertal, 18. Januar 2013
100 Jahre HEAG

Vor fast 100 Jahren kam der Strom ins Lautertal

Von der Freileitung übers Dach bis unter die Erde
Über einen auf dem Dach montierten Metallständer wurde früher der Strom in die Häuser geleitet, wie hier im Anwesen Nibelungenstraße 128 im Reichenbacher Oberdorf. he
+Über einen auf dem Dach montierten Metallständer wurde früher der Strom in die Häuser geleitet, wie hier im Anwesen Nibelungenstraße 128 im Reichenbacher Oberdorf. he

Ihr hundertjähriges Bestehen feierte jetzt in Darmstadt die Hessische Eisenbahn Aktiengesellschaft, kurz HEAG genannt. 1914, gerade noch rechtzeitig vor dem Ersten Weltkrieg, errichtete sie auch in Reichenbach ihre Ortsnetzstation und versorgte das Dorf mit Elektrizität.

Die AG übernahm bei ihrer Gründung die städtischen Elektrizitätswerke und die elektrische Straßenbahn. Nun lieferte sie den Strom an die Straßenbahn und an die immer mehr werdenden Fabriken und Haushalte. Seit Mitte der 1850er Jahre war die Zahl der Industrieunternehmen in Darmstadt und dem südhessischen Raum sprunghaft angestiegen. So entstanden auch in Lautertal die Blaufarbenfabrik, die Deutsche Steinindustrie und einige Papierproduzenten.

Diese Fabriken brauchten zum Antrieb ihrer Kraftmaschinen Dampf oder Gas, mit dem Fortschritt der Technik aber vor allem Strom. Den sollte jetzt die HEAG liefern, die kleinere Konkurrenten, wie beispielsweise das Elektrizitätswerk in Lindenfels aufkaufte und zum marktbeherrschenden Monopolisten bei der Elektrizitätsversorgung in Starkenburg wurde.

Mit einem Fragebogen an alle Gemeinden des Umlandes wurde die Erweiterung des Kundenkreises vorbereitet. Die Umsetzung ging mit einem rasanten Tempo über die Bühne, obwohl die Probleme immens waren. So musste für jeden zu verlegenden Abschnitt einer Leitung, für jeden Mast auf einem staatlichen Grundstück, für jede Überquerung einer Landes- und Kreisstraße eine behördliche Genehmigung eingeholt und eine Nutzungsgebühr gezahlt werden.

Trotzdem konnten schon innerhalb der ersten beiden Jahre mit 81 Gemeinden Stromlieferungsverträge abgeschlossen werden. Die abgegebene Stromleistung stieg von 75.000 (1888) über 2,7 Millionen (1912) auf 6,6 Millionen Kilowattstunden (kwh) im Jahre 1914. Eine der ersten angeschlossenen Gemeinden in der Nähe Reichenbachs waren Fürth, Schlierbach und Lindenfels.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges kam die Expansion der HEAG ins Stocken. Nur noch einige bereits vor Kriegsausbruch begonnene Ortsnetze konnten noch in Betrieb genommen werden, darunter auch Reichenbach, Brandau und Ernsthofen. Trotzdem baute die Firma Schuckert AG das Leitungsnetz einschließlich der Ortsnetze zwischen 1914 und 1916 im gesamten Lautertal und im Modautal aus.

1928 war im Raum Starkenburg der Netzausbau weitgehend vollendet. 266 Orte waren an das HEAG-Netz angeschlossen. Die abgegebene Jahresmenge hatte sich auf rund 35 Millionen kwh erhöht. Diese wurde allerdings überwiegend in den Fabriken und öffentlichen Einrichtungen verbraucht. Fast vollständig brach lag noch der Einsatz von elektrischen Geräten in den Küchen und Wohnungen auf dem Lande.

Deshalb richtete die HEAG eine Lehrküche ein und führte die Frauen an das elektrische Kochen heran. Mit Werbeveranstaltungen und Ausstellungen wies der Stromlieferant auf den Einsatz von „Elektrizität in Haushalt, Gewerbe und Landwirtschaft“ hin. Neben Küchengeräten gab es damals schon Waschmaschinen, Bügeleisen, Staubsauger, Heizkissen, Koch- und Tischherde, Heißwasserspeicher, Brat- und Backgeräte, Wasserkocher, Kaffee- und Teemaschinen, Toaster, Tauchsieder.

Richtig Erfolg hatte die HEAG damit aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1960-er Jahren, als sich das „Wirtschaftswunder“ auch in den Arbeitnehmerhaushalten bemerkbar machte. Nun wurde von Holz- und Kohleherde auf Elektrische Herde umgestellt. Neben einer Vielzahl von Küchengeräten gab es jetzt auch Fernseher in fast allen Haushaltungen. Und elektrische Lampen in allen Räumen wurden zur Selbstverständlichkeit.

Umgestellt wurde Anfang der 1960-er Jahre auch die Form der Stromlieferung. Rund 50 Jahre lang transportierte die HEAG den Strom über Freileitungen. Auf den Häusern wurden Metallständer montiert und von hier aus der Strom in die Haushaltungen geleitet. Heute sind die Masten auf den Dächern verschwunden, in Lautertal alle Stromleitungen unter die Erde verlegt.

Quellen:

  • 100 Jahre HEAG – Chronik 1912 – 2012
  • Reichenbacher Heimatbuch

    (Text und Foto: he)

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